Matty und Gigi auf großer Fahrt - Kapitel 14



14. Adasiban


Vor den Reisegefährten erschien eine Gestalt, fast nachtschwarz, und von einem ebenso dunklen Schimmern umgeben. Doch dieses Wesen war riesengroß, größer noch als jedes noch so hohe Haus, das man sich erdenken konnte. Es schien mit den spitzen Ohren fast an den Himmel zu stoßen, so mächtig war es. Die Augen glühten in blutrotem Schimmer, und die Lefzen waren zu einem furchterregenden Grinsen verzogen.
"Ich lebte einst im Universum. In der ganzen Welt war ich Zuhaus. Doch ich war allein und hatte Hunger. Unstillbaren Hunger. Ich besuchte andere Welten. Doch wo ich auch einkehrte, begegnete man mir mit Furcht und Ablehnung. Man wies mich fort. Man sperrte mich ein. Man folterte mich. Doch je mehr Leid ich zu erdulden hatte, desto hungriger wurde ich."
Die Kreatur, die allein nur durch den Schein um sie herum annähernd auszumachen war, richtete sich noch weiter auf. Eine Pranke - wenn man es denn so nennen konnte - kam mit einem schnellen, donnernden Schritt auf die fast erstarrten Freunde zu. Die Erde bebte unter diesem Tritt, und Staub und Asche stoben auf.
"Ich hatte Leben in mir. Doch nach all den vielen Tausenden von Jahren war ich abgestorben. Es interessierte mich nicht mehr, was mit dem Gewürm geschieht. Ich wuchs und hatte noch mehr Hunger..."
Noch ehe Adasiban fortfahren konnte, trat Arton ihm entgegen, die Arme vor der Brust verschränkt, und sagte:
"Du hast die Welten gefressen! Du bist ein Nimmersatt!"
Das dunkle Wesen schien für einen Sekundenbruchteil sprachlos, ehe es kalt lachte.
"Ganz recht! Und ich habe immer noch Hunger!"
"Diese Welt hast du bereits verschlungen!" rief Lotti nun. "So lass uns gehen. Es gibt noch genug zu futtern für dich. Wenn du nicht so ein Miesepeter wärst, hätte ich dir einen meiner Apfelkuchen angeboten, aber so bekommst du kein Stück davon!"
Arton musste lauthals lachen, und auch Bippy entrang sich, wenn auch leise, ein winziges Gelächter.
"Ich brauche euer erbärmliches Mitleid nicht! Ich bin Das Dunkle. Ich fresse, wonach auch immer mir beliebt!"
"Wer hat hier von Mitleid gesprochen?" Matty kletterte aus Artons Muff. So hoch sie nur konnte reckte sie sich dem schier endlos großen Wesen entgegen. Die glimmenden, bösartigen Augen machten es ihr schwer, sich auf ihre Gefühle und Gedanken zu konzentrieren. Aber sie nahm all ihren Mut zusammen und sagte: "Wir reden von Mitgefühl! Du hast Hunger, ich bin traurig. Und Gigi ist auch traurig. Wir sind allein. Man hat uns weggeworfen. Niemand wollte uns haben - genau wie dich!"
Ein unsäglich grauenhaftes Grollen, teils schrill, teils unvorstellbar dumpf, drang aus der Kehle des Wesens.
"Und vielleicht... " fuhr sie, ohne sich einschüchtern zu lassen, ganz gleich wie schnell und stark ihr Herz jetzt bumperte, "ist mein Bruder Steve auch einfach weggeworfen worden und ist jetzt allein!"
Das Wesen verstummte.
"Weggeworfen?" fragte die grollende Stimme, immer leiser werdend. Überhaupt schien Adasiban zu schrumpfen, denn seine Augen erreichten nun fast wieder die Höhe ihrer Augen. "Was meinst du mit 'weggeworfen'?"
Nun rüttelte Gigi an Artons Jacke, der sie öffnete, damit sie heraussehen konnte.
"Sie haben irgendwas mit uns gemacht. Das war nichts Schönes!"
Matty nickte bestätigend.
Selbst Lotti musste nicken: "Die Menschen," sagte sie, "sind nicht alle gut gewesen. Und nicht zu allen Lebewesen. Aber manche von uns tragen Liebe in den Herzen, die unerschütterlich ist."
Das Dunkle wurde kleiner. So schien es jedenfalls, denn die rotglühenden Augen sahen sie nun von unten an. Adasiban schwieg. Ein leises Zischen drang zwischen seinen Zähnen hervor. Dann - war er verschwunden.
Die Reisegefährten hielten die Luft an. Und mit einem lauten Krachen und aufstiebendem Schutt, baute sich die Kreatur erneut mächtig vor ihnen auf.
"Ihr denkt, ihr könnt mich mit eurer niedlichen Geschichte von Liebe und Mitgefühl fangen?" Ein dröhnendes, alles übertönendes Lachen erklang. "Ihr seid Nichts in meinen Augen! Ich habe die Welt der Zwerge gefressen!" Der bedrohliche Blick in den Augen heftete sich auf Arton. "Hmmm, wie schmackhaft!" Adasiban kicherte heiser. "Und ich habe die Welt der Drachen verschlungen! Warm und feucht und wohlig war mir danach zumute! Ich war satt für eine Weile. Aber ich werde niemals ganz satt! Ihr könnt mich nicht aufhalten mit eurem Geschwätz von einer heilen Welt! Soetwas gibt es nämlich nicht, denn ich bin immer da, um dem ein Ende zu bereiten!"
Arton war bei Adasibans Worten, das er die Welt die Zwerge verschlungen habe, noch einen Schritt näher an das dunkle Wesen herangetreten. Zu gerne hätte er ihm ein's auf die Nase gegeben, aber er wusste, das es keinen Sinn haben würde.
"Wir müssen gehen," flüsterte Bippy. "Wir müssen uns etwas anderes überlegen."
Die Reisegesellschaft nickte einstimmig.
"Und du, Zwerg!" grollte Adasiban Arton hinterher. "Einer deiner Vorfahren kennt mich noch zu gut! Frage ihn doch mal, ob er von Mitgefühl geplappert hat!"
Mit viel Kletterei entfernten sie sich so schnell es ging von der düsteren Kreatur, die ihnen von allen Seiten ein abscheuliches Gelächter entgegenwarf.

Als sie endlich - es erschien jedem von ihnen, als wäre eine endlos lange Zeit vergangen - den Schlitten erreichten, sah Frank die Furcht in ihren Augen. Er war völlig überrascht, und fragte, was denn geschehen sei.
"Das," sagte Arton und stupste Bippy hastig an, damit er so schnell es möglich war den Schlitten in die Lüfte schwang, "erzähl' ich dir dann mal."