Matty und Gigi auf großer Fahrt - Kapitel 1




1. Das Erwachen


Ganz langsam öffnete sie ein Auge. Dann das zweite. Sie gähnte groß und reckte sich verschlafen. Doch so müde sie selber noch war, nahm ihre Nase schon seltsame Gerüche wahr. Fremd und beißend. Mit einem Mal war Matty hellwach.
'Wo bin ich?' fragte sie sich.
Sie sah sich einen Moment hektisch um. Gitter überall um sie herum: unter ihren Füßen, über ihrem Kopf, zu allen Seiten. Mit einem kleinen Sprung hechtete sie zur Tür. Ihre Hände legten sich um die Gitter, wollten den Haken greifen, der die Tür verschloss. Aussichtsslos.
Sie huschte von einer Seite auf die andere. Es gab keinen Ausweg! Und es gab, und das hatte ihr ihre Nase schon längst verraten, nicht mal etwas zu essen. Durst hatte sie auch. Furchtbaren Durst. Doch nicht mal ein Tröpfchen Wasser war noch in der kleinen Nippeltränke, die fast unter der Käfigdecke angebracht war.
'Was geht hier nur vor?'
Sie war irritiert. Das Letzte, an das sie sich erinnern konnte, war Steve, einer ihrer Geschwister. Er lag, noch fast unbehaart, neben ihr und kam nicht an Mamis Zitze. Sie hatte ihn zu sich gezogen, damit er Mamis Milch hatte trinken können. Kurz darauf war ihr Schwarz vor Augen geworden.
Matty rollte sich in einer Ecke zusammen, den Schwanz fest um sich legend. Sie machte sich ganz klein und schloss die Augen. Wie war sie nur hierher gekommen? Sie versuchte mit aller Kraft, sich daran zu erinnern.
Es dauerte eine Weile, doch nach und nach sah sie Bilder vor ihrem inneren Auge. Da war ein Geruch gewesen, den sie damals noch nicht gekannt hatte.
Ihre Mami hatte gesagt: "Das ist ein Mensch. Ein Mensch ist das, was uns Futter und Wasser gibt, und manchmal haben sie uns sehr lieb. Manchmal auch nicht."
Dieses "Mensch", das so unbekannt war und neu, hatte einen stechenden Geruch an sich und machte ihr Angst.
"Lebe wohl, meine Kleine! Möge es dir gut ergehen!" hörte sie ihre Mami noch zum Abschied rufen.
Matty erinnerte sich an ihren traurigen Blick. Es war, als wüsste sie schon, was ihr kleines Mädchen erwartete, doch sie war machtlos, dies zu verhindern.
Matty zog ihren Schwanz noch enger um sich und war unendlich traurig. Sie würde ihre Mami nie wiedersehen, das wusste sie jetzt. Das war es, was Mami ihr hatte sagen wollen. Die Angst wurde größer, und sie versuchte das schreckliche Gefühl in den Griff zu bekommen, indem sie sich darauf konzentrierte, was danach geschehen war.
Das Mensch hatte sie in eine dunkle Box gesteckt. Es roch nach etwas, das das Mensch von Mami ihr manchmal in den Käfig gelegt hatte. Feucht und frisch. Salat? Aber hier war kein Salat. Hier war gar nichts. Und die Wände zu allen Seiten waren kaum hoch genug, das sie sich aufrecht hinstellen konnte, ohne mit ihrer Nase dagegenzustoßen.
Nach einer irren Rüttelei, in der sie in der winzigen Box hin- und herschlitterte, ohne je Halt finden zu können, wurde es plötzlich gleißend hell. Dann wurde sie - jetzt erinnerte sie sich wieder! - in diesen Käfig geschmissen. Kurz darauf bekam sie etwas zu fressen. Es schmeckte nach nichts, außer bitter und nach etwas, das sie nie wieder essen wollte. Das Mensch, das sie hierher gebracht hatte, kam jeden Tag einige Male zu ihr und piekste sie ganz schlimm. Manchmal war der Schmerz so unerträglich, das sie schreien musste, doch kurz darauf schlief sie immer ein. Wenn sie aufwachte, konnte sie sich an nichts erinnern. Und sie - ja! - brauchte immer einige Zeit, um wieder zu wissen, was geschehen war.
Sie ruckte auf und putzte sich nervös die Nase, die Augen und die Ohren. Also war sie schon länger hier als erst gestern!
'Natürlich!' mahnte sie sich in Gedanken selber. Denn wenn ihr Brüderchen damals, als sie von Mami und ihren Geschwistern weggeholt worden war, noch kaum Haare hatte, dann hatte sie damals doch auch keine gehabt! Und jetzt... sie wandte sich nach allen Seiten um sich selber, griff nach ihrem Schwanz, griff nach ihrem Po, besah sich rundum... also jetzt hatte sie ein schönes, naturbraunes Fell! Sie wusste von ihrer Mami, das das nicht einfach so von jetzt auf gleich wuchs, nein, es bedurfte schon einiger Zeit, damit der Pelz richtig schön wurde. Nur hatte ihr Pelz einige Löcher, kahle Stellen hier und da.
Matty verharrte einen Moment. Sie hörte etwas. Ein Klimpern. Sie kannte dieses Geräusch. Das Mensch kam her, und es brachte bestimmt Futter mit! Und Wasser!
"Endlich!" seufzte sie.