Das Mensch trat an Mattys Käfig heran.
"Na, die ist hin," hörte Matty die brummende Stimme von Mensch.
Und dann, mit einem heftigen Schleudern, wurde der ganze Käfig hochgehoben. Sie wurde hin- und hergerüttelt, schlingerte umher ohne jede Chance, sich festhalten zu können. Mit aller Not versuchte sie immer wieder, einen der Gitterstäbe zu umklammern, doch es nutzte nichts. Die Kraft, mit der ihr Käfig bewegt wurde, war zu enorm.
Dann strömten neue Gerüche mit aller Macht auf sie ein: ihre Nase wollte kaum stillstehen, so ungewohnt roch plötzlich alles. Kalt und seltsam feucht, nass geradezu, sehr süß und widerlich. Und dann - in einem wilden, unhaltbaren Flug - wurde ihr ganzer Körper von einem schmerzhaften Schlag getroffen, während ihr Käfig zum Stillstand kam.
Panik machte sich in Matty breit. Sie brauchte einige Sekunden, um sich aufzurappeln. Alles tat ihr weh, sogar die Schnurrhaare! Die Nervosität gestattete ihr keinen klaren Gedanken, und sie putzte sich automatisch, besah, ob noch alles an ihr dran war.
"Nase - da!" sagte sie. "Augen - da!" Wie eine Checkliste fuhr sie fort:
"Ohren - da! Hände - klar - da! Ich putze mich damit! Füße - da! Schwanz - da! Fell - da! Po - da! Rücken - da! Kopf - da! Schnurrhaare - da!"
Sie seufzte erleichtert, auch wenn alles so weh tat.
Nachdem Matty sich ein wenig gefasst hatte, was ihr unter diesen Umständen so gar nicht leicht fiel, schnupperte sie umher. Alles versank in Dunkelheit, und nur auf ihr Näschen konnte sie sich verlassen. Sie nahm diesen süßlichen, seltsam unbekannten Geruch extrem wahr, und es drehte ihr den Magen um. Es roch wie... sie suchte nach einem Wort, doch konnte keins finden. Es roch wie... als Mamis Mensch damals was gekocht hatte, da hatte es ähnlich gerochen. Wie nacktes Fleisch, süß und faulig.
Dann merkte sie auf.
"Hallo?" hörte sie eine leise, verzweifelte Stimme. "Hallo? Ist jemand da?"
"Ja!" rief Matty. "Ich bin hier!"
Matty stellte sich auf die Beine und schnupperte in alle Richtungen, der Stimme folgend, die leise und ängstlich sagte:
"Kannst du mir helfen? Ich hab' solche Angst!"
"Ich werde es versuchen!" rief Matty zurück und vergaß all ihre Furcht.
Sie kletterte an allen Ecken ihres Käfigs hoch und fand die Tür, die sie vorhin noch erfolglos zu öffnen versucht hatte, unverschlossen vor. Durch den Schwung, mit dem das Mensch sie auf diesen Haufen voller kleiner Käfige geschleudert hatte, musste sich der Haken gelöst haben. Matty sprang aus ihrem umgitterten Gefängnis und rannte hinaus.
"Sag' etwas!" rief sie leise. "Ich folge deiner Stimme!"
"Ich bin hier!" antwortete das verängstigte Stimmchen. "Hier!"
Matty brauchte nicht lange und hatte den Käfig gefunden. Solch ein Wesen hatte sie noch nie zuvor gesehen! Es war viel größer als sie, bestimmt zehn Mal so groß, viel pummeliger, hatte flauschiges Fell und lange, hängende Ohren. Aber die Vorderzähne, die Matty da sehen konnte, waren auch lang. Für eine Sekunde lächelte Matty, denn die Kreatur schien ihr auf Anhieb vertraut.
Mit ein wenig Mühe bewegte Matty den Haken, der die Käfigtür verlossen hielt. Dieser Käfig war natürlich um einiges größer, und es kostete sie viel Kraft, doch sie wollte dem furcherfüllten Wesen unbedingt helfen und entwickelte eine ihr selbst ungeahnte Stärke. Der Haken schnappte auf, und die Tür öffnete sich.
"Komm!" sagte Matty. "Schnell weg hier!"
Doch das Wesen hüpfte nur mit einem Sprung aus dem Käfig und verharrte unbeweglich. Die Nase bewegte sich unaufhörlich, und die Ohren drehten sich in alle Richtungen. Es lauschte, es schnupperte.
"Komm!" stupste Matty die flauschige Kreatur mit der Nase an. "Folge mir!"
Es dauerte einen Moment, bis sich das Geschöpf in Bewegung setzte, und auch nur langsam. Ein Hopser nach dem anderen, sehr verunsichert und voller Angst.
"Angst kannst du nachher noch haben," flüsterte Matty, "wir müssen nur schnell weg hier!"
"Ja. Ist gut." Das Wesen nickte ganz leicht und hoppelte ihr hinterher.
Weg von dem Hinterhof mit all den aufgetürmten Käfigen, in denen bewegungslose Kreaturen lagen.

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