7. Ein ernsthaftes Gespräch
Nach dem ausgiebigen Mahl lagen Matty und Gigi lang ausgestreckt auf dem Sofa, das viele kuschelige Versteckmöglichkeiten bot. Sie konnten, sie wollten, sich gar nicht mehr bewegen, so dick waren ihre Bäuche von dem wunderbar schmackhaften Essen, das Bruni - Niki hatte sie liebevoll lachend "die gute Seele des Hauses" genannt - ihnen serviert hatte. So frisch und lecker, in jeder Nuance auf ihrer Zunge tanzend, hatten sie noch nie gegessen.
Nach einer Weile gesellte sich Niki wieder zu ihnen. Er war gekämmt, denn seine Haare standen nicht mehr in alle Richtungen ab, und er trug auch andere Kleidung: keine Hauskleidung mehr, als wäre er in Windeseile aus dem Bett aufgestiegen und hätte sich rasch etwas anziehen müssen. Nein, er trug einen feinen Mantel, von dunkler, leicht violetter Farbe, von kupfern schimmernden Säumen umrahmt. Auch seine Füße steckten in anderen Schuhen, keine karierten Hausschluppen und verschiedene Socken mehr.
"So, ihr Lieben, nun sollten wir uns unterhalten," sagte Niki und strich sich besonnen über seinen dichten, wohlgekämmten Bart.
Gigi und Matty sprangen und kletterten zu ihm auf den Sessel.
"Es gibt einen Grund, warum ihr beide hier seid."
Während Matty mit voller Aufmerksamkeit und ein wenig angespannt auf Nikis Schulter Platz nahm, legte Gigi die Vorderpfoten auf Nikis Knie und stellte die Ohren ganz auf.
"In habe einen speziellen Raum. Dieser 'Raum der Hoffnung', wie er heißt, zeigt mir jedes Jahr Seelen, die endlos verzweifelt sind - und denen ich helfen kann. Doch wie ich euch helfen kann, das liegt allein bei euch. Gibt es -" und Niki bedachte beide mit einem eingehenden, bedeutungsvollen Blick, "denn etwas, das euch schwer auf dem Herzen liegt?"
Die beiden sahen ihn groß an.
"Wisst ihr, es ist schon sehr lange her, da kam jemand zu mir - Sammy -" und als er den Namen aussprach, wurde Nikis Gesichtsausdruck noch weicher und so herzlich, das den beiden kleinen Wesen ganz warm um's Herz wurde, "- der seine Familie schmerzlich vermisste. Durch ein wenig Unachtsamkeit wurden sie getrennt. Als Sammy zu uns ins Weihnachtsland kam fanden wir gemeinsam im 'Raum der Hoffnung' eine Seele, die errettet werden musste. Wir fanden einen neuen Freund und Hoffnung."
Einen Moment herrschte andächtiges Schweigen.
"Was also, meine Kleinen, kann ich für euch tun?"
Nach einem Moment, in dem sie angestrengt überlegte, sagte Matty:
"Kannst du nicht wieder in den Raum gehen?"
"Nein," antwortete Niki, "denn ich war dieses Jahr schon dort und habe euch beide gefunden."
Er fuhr Matty sanft über den Rücken und kraulte Gigi zwischen den Ohren, die noch immer zum Lauschen aufrecht standen.
"Ich habe ein Brüderchen," platze Matty heraus. "Manchmal erinnere ich mich an ihn. Er ist noch ohne Fell, und er hat Hunger. Ich weiß nicht, was mit ihm geschehen ist."
"Können wir ihn nicht suchen?" rief Gigi, mit einem Mal ganz entschlossen und sich aufgeregt aufsetzend. Einer ihrer Hinterfüße klopfte kurz und energisch auf Nikis Bein.
Niki lächelte zärtlich.
"Wunderbar! Dann suchen wir ---?"
"Steve!" rief Matty, "mein Brüderchen heißt Steve!"
Sie putzte sich aufgeregt die Nase und die Ohren, und rannte Niki über den Kopf hinweg auf die andere Schulter.
"Dann suchen wir Steve!" sagte Niki und unterlegte seine Worte mit einem zielstrebigen Nicken.
"Aber... " sagte Gigi zögerlich, "... was ist aus Sammy geworden?"
Niki verharrte einen Augenblick in seinen Bewegungen. Seine enormen Finger weilten einen Moment zwischen Gigis Ohren, blieben auf Mattys Rücken stehen. Dann räusperte er sich und sagte:
"Wir haben seine Familie gefunden. Und Sammy hat viele neue Freunde gefunden. Aber das ist schon sehr, sehr lange her, ihr Lieben. Und manchmal schmerzt auch mich die Erinnerung."
"Wieso?" fragte Matty geradeheraus, denn ihre Neugier wollte jetzt kein Ende finden.
"Weil für die Menschen und Erdenfreunde die Zeit doch viel schneller vergeht, während sie hier manchmal stehenzubleiben scheint. Und ein Erdenleben ist nicht unendlich, wie es hier ist."
