Der Wichtel und der Zwerg waren ungeheuer fleißig. Allmählich schwand der Schuttberg. Doch die Zeit wollte nicht vergehen, und nach etlichen Stunden war Arton abgeschafft. Er ließ sich neben den kleinen Mädchen nieder und seufzte:
"Jetzt eine Pfeife und ein kühler Krug Bier..."
Auch Bippys Arme schmerzten langsam und er entschloss sich, eine Pause einzulegen. Kaum hatte er sich hingesetzt, hörten sie ein polterndes Geräusch.
Gigis Ohren zuckten und sie schnellte aufgebracht in die Höhe. Auch Matty wurde erneut von Nervosität ergriffen.
Dann hörten sie eine laute Stimme:
"Seid ihr da drin?"
"Niki!" riefen die Verschütteten erleichtert. "Wir sind hier!"
"Ich hole euch im Handumdrehen da raus. Weicht von der Wand weg!"
Es gab ein lautes Donnern, als würden erneut Steine auf sie einstürzten, und dann erstrahlte ein gleißendes, warmes Licht. Keine zwei Minuten später standen nicht nur Niki, sondern auch Lotti und Frank vor ihnen, und unzählige Ernergiebälle schwangen in der Luft umher.
"Ist alles in Ordnung bei euch?" fragte Niki besorgt.
"Es geht schon besser, jetzt, wo ihr da seid!" atmete Bippy befreit auf. Die anderen stimmten ihm nickend zu.
"Habe ich richtig gehört: Adasiban hat das angerichtet?"
Arton schilderte in knappen Worten, wie es zu ihrer Verschüttung gekommen war.
"Dann werde ich mich jetzt um den Unhold kümmern," sagte Niki in strengem Tonfall und rückte seinen Gürtel zurecht. "Und während ich ihn ablenke, werdet ihr eure Fahrt wieder aufnehmen und Mattys Brüderchen suchen. Die Zeit drängt, meine lieben Freunde! Nehmt ein paar Herzen mit auf den Weg."
Bippy untersuchte den Schlitten. Eine der Kufen war ein wenig verbogen, und hier und da hatte das Gefährt einige kleinere Beulen abbekommen. Doch sonst schien alles in Ordnung, nichts, das ihre Reise hätte beeinträchtigen können. Sofern sie denn Adasiban entkommen konnten.
"Und nun: gehabt euch wohl! Wir sehen uns später wieder!" Niki zwinkerte Lotti zu.
"Wenn ich dich das nächste Mal sehe, gibst du einen aus," lachte sie leise und klopfte Niki verschwörerisch auf die Schulter. Ganz in seiner Manier konnte Niki natürlich nicht anders, als laut zu lachen. Und dann war er auch schon wieder in seinen Schlitten geklettert und stieg fachmännisch in die Höhe. Er winkte allen noch einmal zu und war verschwunden.
Die Reisegefährten atmeten tief durch und ließen sich in ihrem Schlitten nieder. Lotti setzte sich diesmal zwischen Arton und Frank, auch wenn es so zu einer Seite doch etwas kühl wurde.
Bippy warf den magischen Staub in die Luft, und kurz darauf erhoben auch sie sich in luftige Gefilde. Langsam und bedächtig stiegen sie höher und höher, und das Klingeln des Zauberpulvers war noch ganz leise und verhalten. Der Wichtel wollte Adasiban nicht unnötig auf sie aufmerksam machen.
Niki sauste mit resoluten Bahnen über die Ruinen. Immer wieder fuhr er tief über dem Boden und brauste dann in schnellen Kurven wieder hoch.
"Adasiban! Komm' und zeig' dich!" rief Niki laut.
Es dauerte eine ganze Weile, ehe das dunkle Wesen unter ihm auftauchte und mit einem düsteren Lachen in seine Richtung knurrte.
"Wenn das nicht mein alter Freund Niki ist?" tönte die finstere Gestalt und lachte heiser.
"Wir beide haben noch eine Rechnung offen," sagte Niki und blieb vor der Kreatur in der Luft stehen.
"Heute noch geht dir das nicht mehr aus dem Sinn, nicht wahr?" keifte Adasiban und richtete sich auf. Er wuchs höher und höher.
"Wie könnte es, du Unhold! Du hast mein ganzes Leben verändert!" sagte Niki fest. "Und doch hast du mir damit das schönste Geschenk gemacht!"
Adasiban war sichtlich verwirrt.
"Wie das?"
"Das sollte dir eigentlich klar sein, du Ungetüm. Du hast mir eine neue Heimat geschenkt und mir viele Freunde und eine wundervolle Aufgabe beschert. Das lag wohl nicht in deiner Absicht?"
Adasiban stampfte mit den Vorderfüßen auf. Niki wurde ein wenig hin- und hergeschüttelt, doch hielt den Schlitten stetig auf Augenhöhe mit der Bestie."Und hier habe ich etwas für dich! Fang es, wenn du kannst!"
Mit einer schnellen Geste warf er einige der Drachenherzen in die Luft. Sie glimmten ganz seicht und warfen einen strahlenden Schein auf das Untier. Eine Sekunde verweilten sie vor dem dunklen Ungeheuer, ehe sie mit einem zischenden Sausen an ihm vorbeiflogen. Ihr Licht erhellte die Finsternis, und Adasiban war für einen Moment wie geblendet. Die Energieherzen kreisten in immer schneller werdenden Bahnen um das Ungeheuer, so das es gezwungen war, immer kleiner zu werden. Ihr Licht verscheuchte die Dunkelheit. Mit hektischer Verzweiflung schlug das Wesen nach den Leuchtbällen, wollte sie fangen, sie greifen, sie zermalmen. Doch sie waren so schnell und pulsierten so stark, das sie auch durch die kleinsten Lücken immer wieder entwischen konnten.
Adasiban wurde wütend. Und immer kleiner. Nach einiger Zeit war er kaum noch größer als ein Stein, und die Herzen schwirrten noch immer um ihn herum. Ihr Lichtkegel wuchs an, das Pulsieren nahm zu. Der helle Schein, den sie verbreiteten, zwang Adasiban dazu, ganz in sich zusammenzusinken. Immer noch kleiner machte er sich, bis nichts mehr von ihm übrig war.
Leise, kaum vernehmbar, hörte Niki noch ein Mal seine grollende Stimme:
"Ich werde dich wiedersehen, Niki! Wart's nur ab!"
Dann war er mit einem fauchenden Hicksen und einem leisten 'Plopp' einfach verschwunden, als hätte er sich in Luft aufgelöst.
Die Reisegefährten hatte nicht viel von dem Spektakel mitbekommen. Sie hatten nur sehen können, das Niki vor der Kreatur schwebte und mit ihm sprach. Dann waren sie rasch mit ihrem Schlitten davongebraust, um ihre Suche fortzusetzen. Sie hofften von ganzem Herzen, das Nikis Ablenkungsmanöver gut ausgehen würde.
