Bippys Flugstil hatte sich mittlerweile fast pefektioniert: sie glitten ruhig und stetig dahin, und auch wenn es mal kurzzeitig ruckelte, wurde die Reisegesellschaft bei Weitem nicht mehr so heftig durchgeschüttelt wie noch zu Beginn.
Der Nachthimmel war durchzogen von zuweilen bunt glitzernden Sternen, die wie seltene Edelsteine kurz erstrahlten und wieder verblassten. Matty und Gigi kamen aus dem Staunen kaum noch raus. Beide waren ein wenig zur Ruhe gekommen, und wenn die Fahrt sanft dahinglitt und sie den Blick von den funkelnden Schönheiten des Firmaments abwenden konnten, schmiegten sie sich dann und wann aneinander.
Nach einer langen Weile senkte sich der Schlitten wieder gen Boden. Nun wurde Matty erneut nervös und kletterte über die Strebe schon zu Arton, um sich in dessen Hemdtasche niederzulassen. Arton lächelte unter seinem mächtigen Bart und streichelte Mattys Kopf.
"Diesmal gehen wir aber mit!" sagte Frank bestimmt, und stupste Gigi mit seinem Ast-Arm. Das piekste einerseits, aber kitzelte auch. Gigi nickte:
"Ist gut, das machen wir."
Da sie nun wusste, das sie in verantwortungsvoller und vertrauenswürdiger Gesellschaft war, schien ihre Angst wie verflogen.
Der Schlitten setzte auf dem Boden auf. Die Reisenden stiegen aus, und während sie sich streckten und reckten, sahen sie sich um: in dieser Straße standen nicht nur viele kleine Häuser, sondern tatsächlich hie und da noch einige Bäume. Alles war unter einer glänzenden Schneedecke versteckt und bot einen fast lauschigen Anblick.
"Herrlich!" freute sich Frank und hüpfte im Schnee umher.
"Keine Zeit jetzt zum Spielen!" mahnte Bippy streng. Frank hielt augenblicklich in seiner Bewegung inne und sah betreten zu Boden.
" 'Tschuldigung, du hast ja recht. Ich hab' mich nur so gefreut, endlich wieder in meinem Element zu sein... "
Selbst Matty, trotz ihrer Aufgeregtheit, musste lächeln.
"Bald," sagte Bippy und nickte zuversichtlich, "hast du so viel Schnee, wie du nur brauchst, mein Freund."
Franks Rübennase wackelte vor Freude, und einen Moment schien es, als laufe ein Strahlen durch seine Kohleaugen.
"Hier entlang, dieses Haus ist es," sagte Bippy und deutete auf das Haus auf der anderen Straßenseite. Durch eines der Fenster drang ein leiser Schimmer nach draußen.
"Es scheint jemand da zu sein," sagte Matty. "Was nun?"
Bippy fasste in eine seiner Manteltaschen und zog ein hellgrünes Beutelchen heraus. Mit einer kleinen, knappen Bewegung streute er das magische Pulver in die Luft, das es auf sie herabfallen konnte. Und dann - wie seltsam! - befanden sie sich plötzlich im Haus! Gigi und Matty erschraken, und Frank fiel vor Schreck sein Hut vom Kopf.
"Was ist passiert?" flüsterte Gigi.
"Niemand wird uns sehen oder hören, denn unsere Zeit läuft anders. Aber das ist etwas, das ich euch nachher in Ruhe erklären kann. Nun wollen wir erstmal nach Steve suchen!" antwortete Bippy mit leisem und entschlossenem Ton zugleich.
Alle nickten. Sie gingen nur ein paar Schritte, dann konnten sie den Grund für den sanften Schein, den sie von draußen gesehen hatten, ausmachen: ein Kamin, in dem ein kleines Feuerchen vor sich hinloderte. In einem dunkelgrünen Sessel ruhte eine ältere Dame, die scheint's über ihrer Strickarbeit eingeschlafen war.
Frank blieb im Flur stehen.
"Mir ist es hier zu warm. Ich hab' Angst, das ich schmelze," flüsterte er.
"Du wirst nicht schmelzen, Frank," lachte Arton. "Das geht nicht mehr. Du bist schon lange nicht mehr aus Schnee."
"Das stimmt," bestätigte Bippy.
"Trotzdem... " sagte Frank mit einem leicht verängstigten Unterton in der Stimme.
Die anderen vier näherten sich langsam der schlafenden Frau. Ihre von grauen Strähnen durchzogenen, hellen Haare waren in einem Knoten auf dem Kopf zusammengebunden."Das Mensch kann uns wirklich nicht hören?" fragte Matty wispernd.
"Nein, wirklich nicht," sagte Bippy lachend.
Matty reckte sich weit nach vorne und konnte nicht widerstehen, auf die schlafende Dame zu springen. Sie kletterte über sie drüber und beschnupperte sie, den Sessel und die Wolle, die sie noch immer um die Finger gewickelt hatte. Und dann - ganz plötzlich! -, als Matty ihr Gesicht berührte, öffnete sie die Augen.
"Was... ? Wer... ?" Die Dame klang ein wenig verschlafen, doch sie wurde wach. Sie erspähte zuerst Arton, sah ihn fest an, dann Bippy, den sie mit einer hochgezogenen Augenbraue von oben bis unten anblickte, dann Matty, die eilends wieder in Artons Brusttasche verschwand. Schließlich erblickte sie auch Gigi, die sich hinter Bippy zu verstecken suchte, doch deren vor Neugier aufgestellte Ohren verräterisch abstanden.
"Wer seid ihr? Und was macht ihr hier?"
"Du kannst uns sehen?" fragte Bippy erstaunt. Er war so verwundert, das er sogar seinen Hut abzog, um sich am Kopf zu kratzen. "Das ist völlig unmöglich!"
Die Dame setzte sich aufrecht hin, legte das Strickzeug auf den kleinen Tisch neben dem Sessel und entgegnete:
"Mein lieber Junge, ich habe schon so viele unmögliche Dinge gesehen in meinem Leben, das kannst du gar nicht glauben!"
Einen Moment herrschte Stille, in der sich alle verblüfft anstarrten.
"Ich heiße Charlotte," brach die Dame endlich die Stille. "Aber nennt mich Lotti!"
Die kleine Gemeinschaft - und man kann hier den Begriff 'klein' doch wortwörtlich nehmen - stelle sich reihum vor.
"Kann ich euch etwas anbieten - vorausgesetzt, ihr seid keine Einbrecher!" Dabei zwinkerte Lotti den schier baffen Besuchern zu. "Ich habe noch Kuchen mit Kirschen und auch einen mit Äpfeln."
Selbst Frank hatte sich am Esstisch in der Küche niedergelassen. Hier war es nicht so warm wie im Wohnzimmer, und er fühlte sich in der Nähe des Kühlschranks sichtlich wohler. Matty und Gigi saßen auf dem Tisch, und Lotti schnitt die Kuchen für sie in kleine Stücke.
"Was genau wollt ihr denn nun in meinem Haus?" fragte Lotti, während sie einen Kessel auf den Herd stellte, um sich Teewasser zu kochen.
Matty sprudelte heraus:
"Wir suchen mein Brüderchen Steve. Der Schlitten hat uns hierher gebracht. Er muss also hier gewesen sein!"
"Das ist gut möglich. Aber gesehen habe ich ihn nicht."
"Ich frage mich," sagte Arton mampfend, und einige Kuchenkrümel hingen ihm im Bart, "wieso du uns sehen kannst."
Lotti seufzte schwer, goss das heiße Wasser in ihre Tasse, nippte am Tee und sagte:
"Vielleicht erschließt es sich euch, wenn ich von mir erzähle?"
Arton nickte: "Dann los! Wir sind ganz Ohr!"
