10. Eine Spur
"Wo fliegen wir denn hin?" fragte Matty nach einer Weile. Sie hatte die ganze Zeit während des Fluges mit den Händen aufgestütz über den Schlittenrand zum Boden geblickt. Jetzt wandte sie sich Bippy zu.
"Ich folge lediglich der Richtung, die der Schlitten mir vorgibt. Niki hat ihn so justiert. Er sollte uns dorthin führen, wo die letzte Spur deines Brüderchens zu erkennen war."
"Und wenn er da nicht mehr ist?" wollte nun Gigi wissen und stupste Bippy mit der Nase am Ärmel.
"Dann werden wir Spuren suchen müssen. Den Rest macht der Zauberstaub."
Matty schwieg nachdenklich. Als Bippy ihre besorgten und traurigen Augen sah, streckte er eine Hand aus, streichelte sie zwischen den Ohren und sagte beruhigend:
"Wir werden ihn finden, mach' dir keine Sorgen!"
Es war das erste Mal, das Wärme und Zuversicht in seiner Stimme lagen, und Matty sah ihn lächelnd an.
"Na gut. Das alles ist nur etwas zu viel mich."
"Für mich auch," ergänzte Gigi. Sie hockte so gedrungen, das sie nur noch eine einzige Kugel aus Fell zu sein schien. Matty kuschelte sich kurz an sie, doch sie hatte keine Ruhe in sich. Nach einer Weile lehnte sie sich wieder über den Rand des Vehikels und beobachtete den Erdengrund. Sie schwebten mehr, als das sie flogen, und wäre sie nicht so angespannt, wäre dies wohl das Schönste, das sie bisher je erlebt hatte. Doch so konnte sie die Reise nicht genießen.
Es schien schier endlos zu dauern, bis der Schlitten einen leichten Ruck von sich gab. Die Reisegesellschaft mußte sich vor Schreck schnell abfangen, um nicht über die Schlittenfront zu segeln. Dann glitt das Gefährt langsam auf den Boden und hielt inne. Bippy war überrascht. Ganz von alleine hatte der Schlitten dieses Ziel gefunden. Nikis Zauberstaub hatte es in sich, das musste er eingestehen.
Vor ihnen lag ein Haus. Und diesmal war es tatsächlich ein Haus. Die Tür war einen Spalt breit geöffnet, innen war alles duster.
"Dann wollen wir doch mal nachsehen!" sagte Arnton energisch und schritt mit großen Schritten voran. Er hatte die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt. Bippy folgte ihm zwar rasch, doch wesentlich unsicherer.
"Hallo?" rief Arton, kaum das sie zur Tür hereingetreten waren. Matty saß wieder auf seiner Schulter, während Gigi sich entschlossen hatte, bei Frank im Schlitten zu warten.
"Haaaalllloooo!" brummte der Zwerg erneut, mehrmals hintereinander. "Ist wer hier?"
Doch keine Antwort.
"Licht wäre zuträglich," sagte Bippy. Er kramte einen Augenblick in seinen Taschen herum, und zog schließlich eine kleine Lampe heraus. Nicht einfach eine gewöhnliche Taschenlampe, nein, dieses Licht war wie eine Kugel geformt, strahlend hell und wunderschön. Der Schimmer, der davon ausging, schien lebendig.
"Niki hat mir die Kugel gegeben. Eigentlich ist es keine Kugel, es ist ein von den Drachen erschaffenes Energieherz," erklärte Bippy Matty, als er ihren wissbegierigen, fragenden Blick sah. Sie reckte von Artons Schulter aus den ganzen Körper Richtung der Lichtquelle."Was ist ein Energieherz?" hakte Matty nach.
"Wie soll ich das erklären?" Bippy kratzte sich am Kinn, dann am Kopf, und sagte nach einer Weile des Nachdenkens: "Die Drachen, die auch das magische Pulver herstellen, haben manchmal überschüssige Energie. Die Drachenenergie kann gebündelt werden, indem sie eine Weile ruhen und diese Energie dann in kleinen Kugeln formen. Bleiben die Kugeln in Kontakt mit etwas, das aus der Weihnachtswelt stammt, ruhen sie. Doch sobald sie die Aura einer anderen Welt erreicht, geben sie ein Leuchten ab. Sie strahlen Energie aus."
"Werden sie auch dunkel?" wollte Matty wissen.
Bippy und Arton, leise lachend, schüttelten den Kopf.
"Drachenenergie kann nie aufgezehrt werden. Sie bleibt auf ewig gebündelt. Nur kommt es manchmal vor, das sie wächst. Denn diese Energiebälle sind Lebewesen, und deswegen werden sie auch 'Herzen' genannt, nicht Kugeln. Nur sprechen sie über ihr Leuchten, nicht mit Worten."
Matty nickte leicht. Sie verstand zwar nicht alles, und von Drachen hatte sie auch noch nie gehört, aber sie glaubte, was Bippy ihr sagte.
Mit bedächtigen aber zügigen Schritten durchschritten sie nun das Haus. Es war noch möbliert, doch alles war voller Schutt und Staub, roch muffig und verwahrlost. Die meisten Utensilien hier waren kaputt, entweder zerbrochen oder zerfetzt.
"Ich rieche was!" rief Matty mit einem Mal laut, als sie sich einer Treppe näherten. "Da, nach oben!"
"Steve!" rief Arton jetzt gezielt. "Steeeveee!"
Bippy ging voraus, damit das Energieherz ihnen den Weg erhellen konnte. Sie gingen Mattys Nase nach, und gelangten in einen fast leeren Raum. Und dann zuckte Matty stark zusammen und huschte entsetzt in die Brusttasche von Artons Hemd. Sie wagte kaum, aus der Tasche hinauszusehen.
"Was ist denn, Liebchen?" fragte Arton, der Mattys Entsetzen spüren konnte. Ihr Herz pochte wie wild, und ihre kleinen Hände zitterten. Die Barthaare vibrierten und standen starr ab.
"Ich kenne diesen Raum! Da, das war das Gefängnis, in dem ich mit Mami und Steve gewohnt habe, bis ich weggeholt wurde."
Eine tiefe Traurigkeit überwältigte sie. Der Käfig lag zerbeult am Boden, das alte Futter vergammelt auf dem Teppich verstreut. Sie schluchzte fiepend, von Schmerz überwältigt. Sie konnte Steve und ihre Mutter noch riechen. Ganz leicht nur, doch die Erinnerungen überwältigten sie. Wieder sah sie das Bild vor Augen, als Steve von den anderen Geschwistern weggedrängt wurde. Er hatte solchen Hunger, das er quietschte. Sie erinnerte sich, wie sie ihn mit den Händen an sich herangezogen hatte.
"Ich kann ihn riechen. Aber er ist fort..." Ihre Stimme klang hoffnungslos.
"Es ist nichts verloren, Matty," sagte Bippy. Er bot ihr die Hände dar, damit sie sich zu ihm gesellen konnte. Sie kletterte in die geöffneten Handflächen und sah ihm direkt ins Gesicht. "Der Schlitten wird den Weg finden, denn du hast die erste Spur jetzt aufgenommen. Du trägst es jetzt in dir. Hab' nur Mut!" Er lächelte sie an. Die Güte und Freundlichkeit, die in seinen Augen lagen, gaben Matty wieder Kraft.
"Ist gut. Dann suchen wir jetzt weiter?"
Bippy nickte resolut: "Natürlich! Jetzt geht's erst richtig los!"
"Aber ganz sicher!" ergänzte Arton. Er hielt Matty die Schulter hin, auf die sie kletterte, und die drei kehrten zum Schlitten zurück.
